Experimentelle Stimme --
         experimentelles Musiktheater

mit dem Ensemble “Die Maulwerker”

Montag, 29. Januar 2007, 20.00 Uhr,
Kammermusiksaal, Gebäude Hofstraße
 

Programm :

Travis Just - Quintet 1: Five Voices (2003) (7')

Christian Kesten - FAHREN (1995) (5')

Henrik Kairies - Rain (2000) (4')

Dieter Schnebel - Maulwerke (1968-74) Version 2006 (20')

PAUSE

John Cage - Song Books (1970) (30')

Katarina Rasinski - Eiszeit (1997) (7')

 

Die Maulwerker, in der aktuellen Formation seit 1993 existent, gelten als Spezialisten in den Schnittmengen von Musik und Theater, Musik und Sprache, in der Durchdringung von Musik und Raum, von Klang und Stille. Sie zeigen international ihr Repertoire der Klassiker der Neuen (Vokal-) Musik und des Experimentellen Musiktheaters - wie Schnebel, Cage, Kagel, Fluxus ... - sowie zunehmend auch die Arbeiten mit jungen KomponistInnen, HörspielautorInnen, KlangkünstlerInnen und RegisseurInnen.
Die Maulwerker kommen aus den unterschiedlichsten künstlerischen Bereichen wie Gesang, Schauspiel, Komposition, Performance, Instrumentalspiel, Bühnenkostüm und Regie. Alle Maulwerker haben im Rahmen ihrer breitgefächerten Ausbildung Experimentelle Musik bei Dieter Schnebel studiert. So darf Schnebel durch die Vermittlung sowohl seiner eigenen Musik als auch der John Cages und der Fluxus-Bewegung als geistiger Vater des Ensembles gelten. Alle Maulwerker sind neben ihren Aktivitäten im Ensemble auch solistisch tätig und verstehen das Ensemble als einen Zusammenschluss einzelner Künstlerpersönlichkeiten.
Die Maulwerker spielten in den letzten Jahren in Benelux, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Israel, Italien, Japan, Macedonien, Russland (Moskau), Schottland, Schweiz, Slowakei, Spanien, Tschechien und USA (New York). Aktuelle Projekte sind die Oper "Welt im Quecksilberlicht" von Cong Su und das musiktheatralische Werk "M.M." der Komponistin Makiko Nishikaze, die beide in der Berliner MärzMusik 2006 uraufgeführt werden.
Experimenteller Gesang ist ein kaum einzugrenzendes Arbeitsfeld der Maulwerker. Nicht nur in Dieter Schnebels Stück, das der Gruppe den Namen gab, in der Musik John Cages, im Obertongesang Stockhausens oder in anderen Stücken jüngerer Komponisten, die bewuӾt die Stimme thematisieren, suchen die Maulwerker nach Ñdem neuen Klang“. Die Stimmen bewegen sich ständig zwischen Sprechen, Singen, Atmen und Geräusch. Aus dem scheinbar zufälligen Laut heraus werden die Grenzen des Materials gesucht: Extreme Höhe, tiefes Knarren, aggressive Lautstärke, Grenze der Hörbarkeit, chaotisches Umschlagen der Stimmregister, Kehlkopftremoli, Falsettwirkungen, konsonantisches Rauschen, depravierte Laute, Reibegeräusche und Multiphonics. Dieter Schnebel hat in ÑMaulwerke“ an Hand der einzelnen Artikulationswerkzeuge eine Didaktik der zeitgenössischen Lauterzeugung geschaffen. In diversen Kommunikations-modellen stellt er diese Stimmetüden in musikalisch-psychologische Zusammenhänge. Das Stück entsteht in ständiger lauthaft-musikalischer Auseinandersetzung und wird von den Ausführenden stets neu komponiert.
 

Maulwerke

der Mund arbeitet, wird tätig nicht nur in der Nahrungsaufnahme(und Liebesgabe und nahme), sonder auch im Lautieren, wo Klänge geäuӾert werden, welche von einfachem Ausdruck bis zu Sprache und Musik reichen.

I Atemzüge / II Kehlkopf-Spannungen, Zungenschläge, Lippenspiel.

Der Vorgang ist zutiefst körperlich: Luft wird eingezogen bis weit hinab zum die Bauchhöhle begrenzenden Zwerchfell, und sie wird wiederum ausgedrückt, wobei sie im Kehlkopf und im Mundraum sowie mittels Zunge und Lippen mehr oder weniger deutlich strukturiert wird. Also verlässt sie das Leibesinnere durch die Mundöffnung als Schall oder bloӾ Rauch, wird zur ƒuӾerung oder gezielter zum Signal, welches wiederum Reaktion erheischt, in einem anderen Körper einen ähnlichen Prozess auslöst.

III Mundstücke

Der Vorgang aber ist ebenso seelisch, denn er umschlieӾt und befördert Gefühle. Sie erscheinen sowohl sichtbar wie hörbar; zeigen sich etwa im verzerrten oder im freundlich gerundeten Maul; werden vernehmlich im Klang etwa der Untertöne und überhaupt macht der Ton die Musik. Solche Schwingungen suchen Resonanz, stimulieren sie im Angesprochenen, sei es als heftiger Impuls oder aber als sanfte Harmonie.

IV Maulwerke-Sprache-Musik

SchlieӾlich ist jener Vorgang des Lautierens geistig, birgt Inhalte, die sagen und singen. Sie kommen heraus im Geformten: in den Zusammenhängen, welche Sprache bilden oder Musik oder gar beides. Die dermaӾen gestalteten Lautströme teilen mit und wollen vernommen werden übers Auge und Ohr. Zugleich fordern sie die Antwort eines Gegenparts heraus, führen also zum Dialog und stiften Gemeinschaft.

(Dieter Schnebel)

Ähnlich prägend wie die Musik Dieter Schnebels war die ständige Auseinandersetzung mit John Cages Songbooks. Seit den 80-er Jahren führt das Ensemble regelmäßig Fassungen dieser “Anthologie experimentellen Musiktheaters“ auf, gipfelnd in der Inszenierung Songbooks complete am Theater Bielefeld im Mai 2001 (Konzeption und Realisation durch Henrik Kairies, Christian Kesten, Roland Quitt und Steffi Weismann). Auch bei Cage wird Stimme im Gegensatz zum traditionellen Gesang, der nur ein bestimmtes Stimmideal zulässt, integrativ verstanden: Traditionelle Gesangstechniken können experimentell erweitert werden durch den Einbezug von Körperbewegungen, die die Stimme verändern oder durch einen abrupten Wechsel des Stils, durch ein Vermischen mit Atemgeräuschen, Sprache und geräuschhaft artikulierten Lauten.

Für das geplante Konzert an der Hochschule für Musik Würzburg haben die Maulwerker Dieter Schnebels “Maulwerke“ und John Cages “Songbooks“ deutlich jüngeren Stücken gegenübergestellt:

(Änderungen vorbehalten)

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