Black or White ?

Afrikanische Werke für Streichquartett, Pygmäenflöte und Sanza

von Patrick Bebey (Kamerun), Mokale Koapeng (Südafrika), Justinian Tamusuza (Uganda),
Hamza El Din (Sudan), Kevin Volans (Südafrika)

Größer könnten die Gegensätze nicht sein: Das ehrwürdige Streichquartett und eine kleine Pygmäenflöte! Während die Flöte lediglich einen einzigen Ton hervorbringt und der Spieler die Pausen mit Jodelrufen ausfüllt, trägt das Instrumentalensemble die Spuren einer 250-jährigen Entwicklung. Der schwarze Kontinent sucht seit einigen Jahrzehnten den künstlerischen Anschluss an den Westen, auch auf dem Sektor des Streichquartetts. Den Autoren aus Uganda und Südafrika geht es nicht um das Kopieren abendländischer Standards, auch nicht um leichtfertige Adaption, sondern um authentische Musik. Mit Patrick Bebey, einem in Paris lebenden Virtuosen des Daumenklaviers und der Pygmäenflöte, musiziert das “Ensemble European Music Project”.

Programm :

Patrick Bebey           Timba für Ndewhoo (Pygmäenflöte) und Streichquartett
* 1964 Kamerun

Mokale Koapeng       Komeng – Motswako (2 movements)
* 1965 Südafrika

Justinian Tamusuza Mu Kkubo Ery’Omusaalaba (1988-93)
* 1951 Uganda

   Pause

Hamza El Din           Escalay
* 1929 Sudan

Kevin Volans           String Quartet No. 1 - White Man sleeps
* 1949 Südafrika

Patrick Bebey           Sanza Tristesse für Sanza (Afrikan. Daumenklavier) und  Streichquartett

 

Ausführende:

Patrick Bebey (Ndewhoo und Sanza)
Ensemble European Music Project
:
Wolfgang Bender, Salma Sadek – Violine
Miriam Götting – Viola
Mathis Mayr - Violoncello

Die Komponisten und ihre Werke

    Patrick Bebey, 1964 als Sohn des Musikers Francis Bebey geboren, wuchs in Paris auf. Seine künstlerische Laufbahn ist geprägt vom Studium der klassischen Musik am Pariser Conservatoire und einer lebendigen volksmusikalischen Praxis. Jazz-Elemente spielen in seiner Musik eine ebenso große Rolle wie die Rückkehr zu den “roots”. Zu seinen Partnern auf der Bühne gehören Persönlichkeiten wie Lokua Kanza und Miriam Makeba. Als Komponist ist Bebey in letzter Zeit dazu übergegangen, klassische und ethnische Instrumente miteinander zu verbinden.
    Timba ist der Name einer modernen afrokubanischen  Musizier- und Tanzform. Bebey signalisiert mit der Wahl dieses Titels, dass er sich nicht auf die einseitige Zugehörigkeit zu irgendwelchen ethnischen Traditionen festlegen lässt. Er integriert das Spiel der kleinen Eintonflöte in ein gesamtkulturelles Konzept, in dem auch Jazz und Pop-Elemente ihren festen Platz haben.
    Sanza Tristesse ist eine Huldigung an Patricks Vater, den 2001 verstorbenen Musiker und Meister der Sanza Francis Bebey.

    Mokale Koapeng wurde 1965 in Johannesburg geboren und studierte Musik in Witwatersrand (SA). Hauptberuflich in der Administration des Südafrikanischen Musiklebens tätig, hat sich Koapeng als Autor von Vokalmusik einen Namen erworben. Seine Komposition “Utlwang Lefoko La Morena” wurde für die Weltmusiktage 2003 der IGNM ausgewählt. Seine Oper “Earthdiving” wurde in Stellenbosch (SA) erfolgreich aufgeführt.
    In den 2003 entstandenen Two Movements versucht der Komponist den westlichen Klangkörper Streichquartett mit schwarzafrikanischen Stammestraditionen zu verbinden. “Komeng” ist der Name des männlichen Initiationsrituals. Dumpfes Trommeln begleitet nächtelang die Heranwachsenden Xhosas und trägt sie über ihre Ängste hinweg. “Motswako” ist der Xhosa-Begriff für endlose Wiederholung. Wieder und wieder wird ein Lied abgesungen um die Hummel bei ihrem rastlosen Flug zu ermüden. Sie soll sich niedersetzen, damit sie gefangen werden kann.

    Justinian Tamusuza wurde 1951 in Kibisi (Uganda) geboren und wuchs seit frühester Kindheit mit der traditionellen Kiganda-Musik auf. Später wurde Kevon Volans sein Lehrer an der Queen’s University Belfast, und auch in Chicago erhielt er nachhaltige Prägung an der Northwestern University. Als Theorielehrer an der Makerere-Universität von Uganda lehrend, widmet sich Tamusuza der Entwicklung einer zeitgemäßen afrikanische Idiomatik.
    Mu Kkubo Ery’Omusaalaba, 1988 – 93 komponiert, geht auf eine Anregung des “Kronos-Quartet” zurück. Der erste Satz entstand während der Studienzeit bei Volans. Bei der Komposition stellt sich Tamusuza ganz bewusst der Beschränktheit seines musikalischen Materials: Pentatonik, Ostinatophrasen und ostinate Rhythmen, fixierte Harmonik und Perkussionismus. Diese Einschränkungen scheinen ihm jenen strikten Maßgaben adäquat zu sein, mit denen abendländische Tonsetzer Umgang haben: Generalbass, strenger Satz und Stimmführung.

    Der Nubier Hamza El Din, 1929 in Wadi Halfa (Sudan) geboren, wuchs am Nilufer in einer reichen Musiktradition auf. Sein Hauptinstrument ist die Oud, das uralte Lauteninstrument des nahen Ostens. Hauptberuflich Ingenieur und Techniker, hat El Din regelmäßig Musik studiert (Konservatorium Kairo, Accademia Sta. Cecilia Rom) und öffentlich aufgeführt. Berühmt wurde er mit seinem Stück Escalay auf dem Newport Folk Festival (1970). 1981 reiste er erstmals nach Japan zum Studium der Biwa (japan. Laute) und war von dieser Welt so fasziniert, dass er seither dort einen festen Wohnsitz hat. Weitere Wohnsitze sind Los Angeles und Kairo. Durch Terry Riley mit dem “Kronos-Quartet” bekannt gemacht, erarbeitete El Din mit den vier Streichern eine mixed version des legendären “Escalay”.  

    Escalay (arab. ”Schöpfrad”) ist der Titel des zum Markenzeichen El Dins gewordenen Lautenliedes. Bildhaft dargestellt wird das mühevolle Einerlei und zugleich die Poesie des Wasserschöpfens in der uralten Nilkultur.

    Kevin Volans, 1949 in Pietermaritzburg geboren, hatte in Johannesburg und Aberdeen studiert, ehe er zu Karlheinz Stockhausen und Mauricio Kagel nach Köln kam (1973 – 81). Obwohl von Geburt Südafrikaner, kam er erst dort mit der traditionellen Musik seines Heimatlandes in Berührung. Seine deutschen Lehrmeister hatten ihn für die Schönheiten und Besonderheiten der Mbira-Musik sensibilisiert, so dass er Feldstudien dieser Musik machte und Stücke wie White Man sleeps schrieb. Von 1982 – 84 in Durban (Südafrika) und später in Paris (1984 – 85) lebend, zog es ihn Ende der 80-er Jahre nach Irland, wo er seither lebt.
    White Man sleeps – das 1. Streichquartett von Kevin Volans – entstand 1986 aus der früheren gleichnamigen Komposition für zwei Cembali, Viola da Gamba und Schlagzeug (1982) . Im Sinne von “Erfundener Folklore” (K. V.), d.h. frei von Zitaten oder Originalmusiken, verknüpft der Komponist Elemente der schwarzafrikanischen Musik der Venda, San, Basotho und Nyungwe mit westlicher, insbesondere barocker und zeitgenössisch-avantgardistischer Musik zu einem neuartigen Ganzen. Volans sieht dieses Zusammengehen von Musik der verschiedenen Kulturen als persönlichen Beitrag und als Bekenntnis zur Anti-Apartheidspolitik an.

    Die Interpreten

    Patrick Bebey siehe oben (Die Komponisten und ihre Werke)

    Das 1995 gegründete Ensemble European Music Project besteht im Kern aus herausragenden Musikern verschiedener europäischer Länder, die dort als Solisten, Dozenten oder in vorderen Positionen renommierter Sinfonieorchester tätig sind. Einen Schwerpunkt in der Arbeit des Ensembles bildet die Reihe “Neue Musik im Stadthaus Ulm”. Dabei treffen sich die Musiker zu intensiven Arbeitsphasen. In seiner Programmgestaltung erprobt das von Jürgen Grözinger – selbst Musiker und Schlagzeuger des Ensembles – geleitete Ensemble neue Wege der Vermittlung und Programmgestaltung. Zunehmend sind außereuropäische Spielformen in den Mittelpunkt gerückt, was sich auch in der Zusammenarbeit mit Musikern wie dem “Madih Ensemble Kairo” ausdrückt. Rundfunkaufnahmen und CD-Produktionen dokumentieren die eigenständige Kulturpolitik dieses mittlerweile renommierten Ensembles.

(Änderungen vorbehalten)

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